The Line: Zukunft MADE in Saudi-Arabien

Saudi-Arabien kennt man. Für seine Menschenrechtsverletzungen, sein frauenfeindliches, islamisches Patriarchat, seine Hinrichtungen, Auftragsmorde und natürlich für seine stinkend reichen Öl-Scheichs. Aber das Land kann auch anders – und wir uns davon eine Scheibe abschneiden.

Menschen ohne Rechte.

Absolute Monarchie und Wahhabismus. Laut der US-NGO Freedomhouse so ziemlich die übelste Mischung, wenn‘s um politische und persönliche Freiheitsrechte geht.

Mit gleich zweimal voller Punktzahl knallten die Saudis im „Freedom of the World Report“ dementsprechend durch. Fast genau so gnadenlos, wie sie normalerweise mit Regimegegnern, Demokraten, Andersgläubigen, Freidenkern, Frauen, Homosexuellen, usw. umspringen.

Doch auch wenn nicht jeden Freitag geköpft wird (ich weiß, ich bringe diese grenzgeniale Feststellung unserer geschätzten Justizministerin a.D. Claudia Bandion-Ortner nicht zum ersten Mal) so doch vergleichsweise häufig.

Erst am 12. März – ein Samstag! Bandion-Ortner sollte also recht behalten – wurden 81 Menschen per Massenhinrichtung ins Jenseits befördert. Mehr als im gesamten vorangegangenen Jahr und im Windschatten von Putins Krieg auch ohne jeden medialen Aufschrei.

Nach kurzen, international als unfair eingestuften, Verfahren geht’s da vor den Henker und Schluss. Wobei natürlich nicht gesagt ist, dass jeder Hinrichtung ein unfairer Prozess vorangehen würde. Im Falle des Journalisten Jamal Khashoggi ging seiner Zerstückelung etwa lediglich ein Besuch im saudischen Konsulat voraus. Der Regimekritiker hatte vor zu heiraten und benötigte dafür wohl einen Stempel oder so. Ich frage mich, ist er damit auch ein Opfer der Bürokratie, oder nur des Regimes?

Alte Freunde neue Partner.

Kaum zu glauben also, dass wir hier von einem der engsten Verbündeten der USA, dem „Land of the Free“ sprechen.

Traditionell verlässlicher Partner in allen wichtigen Dingen außer Demokratie, Menschenrechte, Religion und Weltsicht, war das Königreich erst im Präsidentschaftswahlkampf 2020 (ein wenig) in Ungnade gefallen. Biden suchte mit Khashoggi die Abgrenzung – vor allem zu Trump.

Angesichts der sich weltweit zuspitzenden Energiekrise scheinen moralische Bedenken jetzt aber wieder buchstäblich vom Tisch zu sein. Wenn Putin uns den Hahn zudreht, wird am Golf wieder um mehr Öl gespielt und die Tafel für alte Freunde neu gedeckt.

Da ist‘s dann auch egal, wenn Saudi-Prinz Mohammed bin Salman sich am Weltmarkt noch schnell mit billigem Russen-Öl eindeckt, während er seinen „Verbündeten“ das schwarze Gold zum Premiumpreis verkauft.

Mutmaßlich eines der wenigen Ringtausch-Geschäfte das funktioniert und des Prinzen Kassen klingeln lassen.


Walk „The Line“

Ja, und dann ist da auch noch die Sache mit dem Klima. Weil die Saudis das Russen-Öl verbrennen, um Strom für ihre Klima-Sünder-Anlagen zu gewinnen (Merksatz Eleonore Gewessler: Mehr als 20°C in Innenräumen brauchts nicht!) könnte man meinen, es wäre ihnen schlicht egal. So wie Frauenrechte oder der simple Fakt, dass Islam-Schlapfen nicht zum Ferrari passen. Zumindest in dieser Hinsicht wird man sich in den Scheichs aber wohl täuschen, wie „The Line“ beweist:

Eine Stadt der Superlative für bis zu neun Millionen Einwohner. 500m hoch, 200m breit und unglaubliche 170km lang, so die Eckdaten des Projektes. Außen: Eine verspiegelte Fassade. Innen: Das ganze Leben von Arbeit bis Freizeit in 5 Gehminuten und auf 3 Dimensionen erreichbar. Viel Grün, Drohnen und künstliche Intelligenz als Helfer im Alltag, dazu sanfte Mobilität, ganz ohne Autos. Auch hier gilt: Einfacher, besser, schneller, weiter:

Mit über 500km/h braucht man in der U-Bahn kaum 20 Min. vom einen zum anderen Ende der City. Dazwischen 100% Erneuerbare. Zero Emission. Minimaler Fußabdruck, voller Komfort. So geht Zukunft.


Mit der Klimareligion zurück ins Mittelalter

Und bei uns so? Auch da wird eifrig an einer möglichst klimaschonenden Zukunft gearbeitet. Natürlich nicht durch Investitionen, Innovation und tatsächlich (r)evolutionären Projekten, sondern vor allem durch grüne Haushaltstipps (Jeder Topf braucht seinen Deckel!) und durch fast schon religiösen Zwang zur Selbstgeißelung und Verzicht.

20°C im Wohnzimmer tun‘s nämlich auch bei uns - im Winter versteht sich. Dafür bleiben im Sommer dann die Freibäder kalt. Aufwärmen kann man sich ja beim Radeln oder zu Fuß gehen. Das ist nicht nur gesund, sondern hilft einem auch den Gedanken an Spritpreise jenseits der 2€-Marke zu verdrängen.

Spätestens wenn die Weltenrettung per CO2 Steuer den Individualverkehr dann komplett lahmlegt und auch der letzte Wörthersee-Golfer an 80km/h Landstraßen und 100km/h auf Autobahnen verzweifelt, dann, ja dann hat sie endgültig geschlagen, die Stunde der Lastenräder.

Ganz nach dem Vorbild indischer Slums, werden sie das neue Statussymbol. Wer es sich leisten kann, gerne mit e-Antrieb. Auch wenn man riskiert vom Nachbarn auf die so grauslig geschürften seltenen Erden im Akku hingewiesen zu werden. Is ja nur neidisch. Der alte Klimasünder!


Ein Stück Zukunft bitte sehr!

Doch was heißt das jetzt? Werden die Ersten bald wieder die Letzten sein? Versagt die westliche Demokratie bei der Lösung immanenter Zukunftsfragen? Ich meine, es ist ja nicht so, dass es nicht auch gegen „The Line“ genug grün-karierte Einwände gäbe: Die Stadt wäre eine Dystopie, würde Indigene (aus dem Wüsten-Nichts) verdrängen, Vögel und andere Wildtiere behindern und so weiter und so fort.

Doch was bei uns schon präventiv jeden Gedanken an ein solches Projekt als unsinnig verkümmern lässt, kratzt im Saudi-Reich niemanden. Die machen einfach und schneiden sich ein gewaltiges Stück Zukunft für sich heraus.

Wenn wir nicht aufpassen, bleiben dann für uns nur noch die Brösel.

Obwohl, passt ja irgendwie eh zum großen Mea-Culpa-Selbstgeißelungs-Mainstream. Ich frage mich nur, was unsere Kinder dazu sagen?

(Kolumne erschienen auf exxpress.at am 05.08.22)