Bosnien. Wo bleibt das Selbstbestimmungsrecht?

Jedes Volk hat die Freiheit, selbst über seinen politischen Status, seine Staats- und Regierungsform sowie seine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung zu entscheiden – so das Völkerrecht. Bosnien sollte da keine Ausnahme sein.

Watumba!

„Das zweite Jahrtausend geht zu Ende. Die Mauern sind gefallen, wir haben uns’re Wende. Europa ist frei, Europa wird neu. Bis auf eine kleine Balkan-Reiberei.“

So lautete die siebte Strophe der legendären EAV-Nummer „Neandertal“ im Original von 1991.

Und werfen wir heute einen Blick in die Region vor den Toren unseres geeinten Europas wird klar: Thomas Spitzer und Co. hätten es sich sparen können umzutexten.

Fast 30 Jahre nach Kriegsende geht’s am Balkan wieder los. Nationalistische Kräfte sind am Vormarsch - die Vision eines funktionierenden Bosnisch-Herzegowinischen-Staates als potenziellen EU-Beitrittskandidaten verblasst. Zuletzt wurden sogar Warnungen vor einer Spaltung des Landes laut. Aber muss das tatsächlich etwas Schlechtes sein?

Der Gründungsmythos.

Die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens am 25. Juni 1991 wird von vielen als der Beginn vom Ende Jugoslawiens gesehen. In Wahrheit aber läutete sie lediglich den letzten, dramatischen Akt eines Stückes ein, dessen Ouvertüre der Tod von Langzeit-Staatschef Josip Broz „Tito“ lieferte.

Ohne die übergroße Integrationsfigur des Mannes aus einfachen Verhältnissen, des Widerstandskämpfers, des Führers aller Völker Jugoslawiens und auch ohne seine harte Hand, fehlte letztlich das entscheidende überbrückende Moment. Jener personifizierte Gründungsmythos, der in der Lage war zusammenzuhalten, was nicht zusammenhalten will.


Abwärtsspirale in die Katastrophe

Nach seinem Tod waren Partei und Staat nicht in der Lage, jene Lücke zu füllen, die Tito hinterließ. Politische, wirtschaftliche und soziale Krisen beschleunigten sich in einer Abwärtsspirale, deren Fliehkräfte die Volksgruppen zunehmend auseinandertrieben - bis am Ende nur noch eine Lösung lohnend schien: Die des nationalstaatlichen Neubeginns.

Doch was für ethnisch annähernd homogene Teilrepubliken wie Slowenien und in gewissem Maße auch Kroatien funktionierte, führte im multi-kulturellen Bosnien zum blutigsten Kapitel des Bruderkrieges. Rund 100.000 Tote forderte der Kampf von Serben, Kroaten und Bosniaken um ein Land, in dem man so viele Jahre friedlich als Nachbarn zusammenlebte.

Nichtentscheidung. Am Ende ja für nichts. Denn bis heute sind ehemalige Gegner - Opfer und Täter auf allen Seiten - gezwungen, gemeinsam im „neuen“ Staat zusammen zu leben. Einem, der zwar formal unabhängig ist, seinen Völkern diese Freiheit jedoch nicht gewähren kann. Statt effizienter Verwaltung und demokratischer Selbstbestimmung, ist das politische System des Landes von institutionalisiertem Misstrauen gelähmt und nach wie vor unter internationale Vormundschaft gestellt.

Eigentlich also kein Wunder, dass Bosnien seiner Bevölkerung auch heute weder Versöhnung noch Zukunft bieten kann und der Glaube an eine ebensolche zu schwinden scheint.

Der Zündler und die Brandbeschleuniger.

Wenig überraschend ist daher auch, dass nationalistische Politiker wie Serbenführer Milorad Dodik mit Abspaltung des serbisch dominierten Landesteiles drohen und durch lautes Säbelrasseln versuchen, die Situation für sich auszunutzen.

Immerhin ist die Idee einer Unabhängigkeit der Republika Srpska durchaus populär -jedenfalls mehr als in der Perspektivenlosigkeit des Status Quo eines der ärmsten Länder Europas zu verharren.

Anstatt also Öl ins Feuer zu gießen, mit Sanktionen zu drohen und letztlich in Dodiks Spiel als Buh-Mann einzusteigen, wären die internationale Gemeinschaft und ihr hoher Repräsentant daher gut beraten, dem Land eine Vision zu geben.

Eine die unterm Strich nur die Wiederherstellung vollkommener nationalstaatlicher Souveränität und die Sicherstellung des demokratischen Selbstbestimmungsrechts der bosnischen Bevölkerung zum Ziel haben kann. Ergebnisoffen. (Kolumne erschienen auf exxpress.at am 28.01.22)