VdB jugendfeindlich?

Die Wahlkampagne des amtierenden Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen läuft alles andere als rund. Selbst Weggefährten und Unterstützer der ersten Stunde zeigen sich peinlich berührt und irritiert. Was ist da los?

Eines vorweg.

2016 habe ich die Kandidatur Alexander Van der Bellens unterstützt. Aus voller Überzeugung. Mir war klar, dass Rudolf Hundstorfer, der Pflichtkandidat meiner damaligen Partei, scheitern wird. Genauso wie sein konservativer Mitbewerber Andreas Kohl.

Da war die Luft einfach draußen. Nach quälenden Jahrzehnten großkoalitionären Proporzes hatten die Menschen die Nase voll.

Umso größer die Erwartungen und ich möchte fast sagen die Hoffnungen Vieler auf einen Präsidenten, der sein Amt nicht als höchste Ehrung einer Partei begreift, sondern als Aufgabe und Verantwortung, dem Land und seinen Menschen zu dienen.

Als politisches Gewissen, als moralische Instanz und letztlich als rote Linie - bereit seine verfassungsrechtlichen Kompetenzen zu nutzen, um in Krisenzeiten dem Volk, dem Souverän, die Entscheidungshoheit zurückzugeben.

Doch VdB enttäuschte. Selbst in Gegenwart nie dagewesener innenpolitischer Krisen und parteipolitischer Skandale – wir reden natürlich von der II. Republik – blieb der Präsident Beifahrer.


Niederungen der Tagespolitik.

Aber natürlich kann man das auch anders sehen. Vielleicht ist die wirkliche Herausforderung des Amtes jene, eben nichts zu tun. Sich als unantastbare, höchste politische Institution von den Niederungen der Partei- und Tagespolitik fernzuhalten.

Vielleicht ist das Wirken des Präsidenten viel subtiler. Ein ernster Blick dort, eine versteckte Botschaft zwischen den Zeilen da oder auch ein vertrauliches Gespräch hinter der Tapetentür. Vielleicht.

Mir ist institutionalisiertes Nichtstun jedenfalls zu wenig. Und selbst bei jenen, die sich eine Art konstitutionellen Monarchen wünschen – die Queen hat es immerhin geschafft 70 Jahre lang keinen Standpunkt zu vertreten – dürfte VdBs Anti-Jugend Wahlkampf für Kopfschütteln sorgen.


VdB jugendfeindlich?

Offensichtlich in panischer Angst vor dem erst 35-jährigen Herausforderer Dr. Dominik Wlazny alias Marco Pogo, haben die präsidentiellen Spindoktoren ihrem 78-jährigen Kandidaten nämlich einen sehr ungesunden Spagat verschrieben:

Mit Videos, die den Präsidenten beim Fliegen einer Drohne oder dem Studium von Micky-Maus-Heftchen zeigen, will man Jungwähler ansprechen. Nach dem Motto: Schaut her, wie unkonventionell und lustig euer Präsident ist. Rasieren tut er sich auch nur hin und wieder. Also liebe Jungwähler, das ist euer Kandidat…!

Gleichzeitig aber scheint VdB, nach einem langen politischen Leben in hoch- und höchstbezahlten Ämtern, jedes Gefühl für die Situation der heutigen Jugend zu fehlen. Angesichts der massiven Teuerung, die viele Junge vor existenzielle Probleme stellt, empfiehlt das Staatsoberhaupt: „Zähne zusammenbeißen! Es wird schon irgendwie gehen.“ Danke Herr Präsident – mit 25.000€ Monatsgage und Hofburg-Häppchen fällt das Zähne-Zusammenbeißen natürlich etwas leichter.

Doch damit nicht genug! Im Rahmen einer kleinen Eliten-Veranstaltung zum Wahlkampfstart, erklärt VdB vor versammelten Honoratioren, was aus seiner Sicht das entscheidende Argument sei, ihm die Stimme zu geben.

Der Präsident wörtlich:

„Wenn ich in die zweite Amtszeit komme und die zweite Amtszeit dann zu Ende ist, strebe ich dann noch irgendetwas an? Dann habe ich schon ein ziemlich gesetztes Alter erreicht. Das „Kaunertal“ lockt immer. (Lacher) Mit anderen Worten: Womit kann man mich dann verführen, mit etwas das mir nachher wichtig wäre? Geld, Ämter, irgendetwas? Sagen Sie mir irgendetwas? Mir ist nichts eingefallen. In diesem Sinne bin ich tatsächlich, total unabhängig.“

Oder mit anderen Worten: Junge Menschen sind zu leicht verführbar, zu leicht korrumpierbar und damit für das Amt des Präsidenten ungeeignet.

Und das schlägt dem Ganzen ja wohl den Boden aus! Ich meine hat er sich diesen Schwachsinn selbst einfallen lassen, oder doch nur vorgetragen was ihm aufgeschrieben wurde. So oder so, es bleibt eine Katastrophe.


Alles Fake?

Doch damit nicht genug. Wer immer an den Strippen der schon jetzt missglückten Kampagne zieht, versucht die Wähler und Wählerinnen gleich mit einer ganzen Reihe mieser Tricks zu verführen:


Trick 1: Der unabhängige Kandidat. Einer für Alle. Und doch spenden die Grünen in Summe mehr als 800.000 Euro. Eine enorme Summe, die natürlich üüüüberhaupt nicht abhängig macht.


Trick 2: Blasmusik und Dialekt: Will man an ganz tief verwurzelte Heimatgefühle der Menschen appellieren, dann tut’s ganz gut auf Blasmusik, Tiroler Schützen und etwas alpenländischen Dialekt zu setzen. Das Kaunertal, es lockt sagt VdB bei fast jeder Gelegenheit, nur die Pflicht zwingt ihn in Wien zu bleiben. Der Arme.


Trick 3: Schöne Zahlen: Das interne Ziel 100.000 Unterstützungserklärungen zu sammeln, hat man klar verpasst. 24.600 sind aber auch nicht schlecht, flüsterten ihm seine Berater zu. 24.600?? Wie viele Unterstützungserklärungen ehrlich überzeugter Menschen hat man weggeworfen, um so eine schöne Zahl zu produzieren?


Trick 4: An jeden Strohhalm klammern: Manche Fans des Professors mögen überrascht gewesen sein, als er stolz die Unterstützung von Star Astrologin Gerda Rogers bekannt gab. Wenn‘s Stimmen bringt, muss es ja nicht unbedingt den eigenen Überzeugungen entsprechen. Man bringe den Sternenstaub!


Trick 5: Etwas Besseres sein: Als Amtsinhaber mit dem Pöbel reden? Igitt! Diskussionen mit anderen Kandidaten gibt’s daher nicht auf der Bühne, sondern nur per Twitter. Das aber ist nicht nur feig, sondern auch demokratiegefährdend. Als Kandidaten nämlich sind alle gleich.


Unterm Strich: Ich wähl ihn diesmal nicht.

(Kolumne erschienen auf exxpress.at am 16.09.22)