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Fall Teichtmeister: Muss man Täter verstehen, um „gut“ zu sein?

Süchtig nach Kokain und Kinderpornos. So die Eckpfeiler der Verteidigungsstrategie von Ex-Burgschauspieler und TV-Star Florian Teichtmeister. „Qualitätsmedien“ beleuchten die Hintergründe des Täters ausführlich, schaffen damit unweigerlich „Verständnis“. Doch was ist mit den Opfern?

Die perfekte Fassade.

Ich wollte mich diesmal bewusst nicht damit beschäftigen. Mich als zweifache Mutter nicht mit dem Leid missbrauchter Kinder belasten. Weil ich weiß, dass ich es selbst nicht ändern kann und weil ich weiß, wie sehr es mich trifft.

Die Fassungslosigkeit über die Tat, die Kaltschnäuzigkeit und Verlogenheit des Täters, das Schicksal der Opfer und eben diese lähmende Ohnmacht.

Es hat nicht funktioniert. Man kann die Augen vor so etwas nicht verschließen. Nicht vor dem Fall Kampusch. Nicht vor Fritzl und auch nicht vor dem Blick hinter die perfekte Fassade des Florian Teichtmeister. Vor kurzem noch gefeierter Burgschauspieler, TV und Film-Star mit Oscar-Potenzial. Wortgewaltiger Fürsprecher des Guten. Mit Dackelblick und Bobo-Schnauzer die Rolle seines Lebens herbeisehnend: Einmal Indiana Jones spielen, den „abenteuerlustigen guten Charakter“.

Jetzt überführter, geständiger suchtkranker Pädophiler mit Gewaltfantasien.

Es ist schockierend, verstörend. Für seine Fans sicher auch noch maßlos enttäuschend. Aber nicht nur die Tatsache, dass der einstige Star auf unzähligen Geräten und Speichermedien über 58.000 Dateien mit kinderpornographischem Inhalt hortete, sondern auch wie mit dem Fall umgegangen wird. Ein Skandal im Skandal.

Der Schauspieler.

Vor mehr als eineinhalb Jahren wurde die Tat bekannt. Seine damalige Lebensgefährtin wandte sich hilfesuchend an die Polizei. Er gestand alles. Kooperierte. Mutmaßlich, um nach außen hin den Schein zu wahren, die schöne Fassade aufrecht zu erhalten während die „Leichen im Keller“ still und heimlich entsorgt würden. Eine Diversion stand im Raum. Wenn auch unwahrscheinlich bei Delikten dieser Art.

Seine Rollen spielte Teichtmeister weiter, auf und hinter der Bühne. Gerüchte wurden ignoriert. Seiner ehemaligen Partnerin weniger geglaubt als dem (damals) glänzenden Stern am heimischen Schauspielhimmel.

Vom Burgtheater, von der Kollegenschaft, am Set. Überall schien einleuchtend, dass die Verflossene dem Bühnenhelden nur eins auszuwischen, sich billig zu rächen, versuchte. Depp vs. Heard für Arme.

In den Medien griff zudem der Täterschutz. Selbst als bereits klar war, welcher Tsunami auf die heimische Kulturszene zurollte, erlaubte das Medienrecht keine Namensnennung. Beschreibungen wie „ein 40-jähriger Schauspieler“ stellten eine ganze Branche unter Generalverdacht.

Nur einer war in den Augen der Öffentlichkeit frei von jedem Vorwurf: Florian Teichtmeister. Gefeierter Kaiser-Darsteller und „Freund der Kinder“ für den ein helles „Kinderlachen am Abend“ das Größte sei, wie er im ORF-Interview wissen ließ.


Qualitätsjournalismus klärt auf

Doch jetzt kennen wird die Wahrheit. Österreich hat seinen nächsten Skandal und versucht sich verzweifelt in dessen Aufarbeitung. Juristisch mit einem lächerlich, gering anmutenden Strafrahmen von maximal 2 Jahren.

Im öffentlichen Diskurs mit unterschiedlichen Einschlägen. Während in sozialen und bürgerlichen Medien der verständliche Ruf nach schärferen Strafen für Sexualdelikte – insbesondere in Zusammenhang mit Kindern – laut wird, tun sich linke, dem Kulturbetrieb nahestehende Medien schwer ähnlich klare Worte zu finden.

Angesichts des Geständnisses und der erdrückenden Last an Beweisen geht zwar niemand soweit den Täter offen zu verteidigen, stattdessen wird erklärt und verstanden.

Unter dem Titel „Die Akte Teichtmeister“ listet eine Wiener Wochenzeitung den Fall minutiös auf:

Seine schwere Kokainsucht, die damit einhergehende Persönlichkeitsstörung, der Verlust jeglicher geordneter Tagesstruktur während der Corona-Lockdowns. Die umfassende Kooperationsbereitschaft bei der Aufklärung des Falles.

Dazwischen wieder eine Aufzählung schauspielerischer Leistungen, deren Erbringung wohl auch ihren Tribut im Nervenkostüm des Künstlers gefordert hätten. Dann der fallengelassene Vorwurf der Gewalttätigkeit gegen seine damalige Lebensgefährtin – aus Mangel an Beweisen.

Seine Therapie und wie brav und regelmäßig er diese wahrnehme – so wie auch die freiwilligen Harnkontrollen. Als Beweis, seine Drogensucht in den Griff zu kriegen, den Weg der Besserung zu gehen.

Wichtig auch festzuhalten, dass Teichtmeister wohl nie selbst kinderpornographisches Material anfertigte – also „nur“ konsumierte.

Und schließlich die finale Diagnose: Er, der Täter leide. Nämlich an einer "Störung einer Sexualpräferenz im Sinne einer nicht ausschließlichen Pädophilie, orientiert auf Mädchen".

Gott sei Dank nur „Mädchen“ hört man das geheime Aufatmen in den Köpfen der kulturaffinen Leserschaft.

Es steht alles da. Schwarz auf weiß.

Teichtmeister sei kein Monster, sondern selbst Opfer, geständig, reuig und daran interessiert, sich zu bessern, „geheilt“ zu werden. Gut, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Volles Täterverständnis hergestellt. Es ekelt mich.


Das, was fehlt.

Was dem Artikel völlig fehlt, ist die Opferperspektive. Das Schicksal jener Kinder, deren Leiden, deren zerstörtes Leben in Wahrheit auf jedem einzelnen der über 58.000 abscheulichen Fotos und Videos abgebildet ist. Was soll aus ihnen werden? Wer kümmert sich um sie? Wer sind sie?

Interessiert das eigentlich irgendjemanden? Laut „Akt“ sei das Opfer ein „unbekanntes Mädchen“. Mehr steht da nicht. Möglicherweise weil man es nicht weiß. Möglicherweise um nicht weiter Emotionen zu schüren und eine „neutrale“ Behandlung des Falles zu ermöglichen. Eventuell auch aus falsch verstandenem Opferschutz. In Wahrheit nämlich ist all das, was den (individuellen) Täter möglicherweise zu seiner Tat bewegte völlig egal. Er hats getan. Punkt.

Würde man hingegen die Opfer besser kennen. Ihr Leben, Leiden, ihre Hintergründe ließe eine Reform samt entsprechender Anhebung der Strafen bei Delikten gegen Leib und Leben und insbesondere gegen Minderjährige wohl nicht lange auf sich warten.

Entsprechende Forderungen liegen am Tisch. VP-Familienministerin Raab drückt aufs Tempo. Die Grüne Justizministerin auf die Bremse. So erwartbar, wie unverantwortlich!

Letztlich liegt der Ball bei Alma Zadic: Fortgesetzter Täterschutz samt 2-Jahre Ferienlager und Sesselkreis für Perverse oder endlich Gerechtigkeit – konsequent an der Seite der Opfer? Die Antwort darauf sollte niemandem schwerfallen. Alma?

(Kolumne erschienen auf exxpress.at am 20.01.23)





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