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Sommergespräch: Babler als Sonntagsfahrer?

Politiker sind dafür berüchtigt hin und wieder die Wahrheit aus ihrer ganz speziellen Perspektive zu betrachten. Auch Andreas Babler macht da keine Ausnahme. Wortgewandt windet sich der Bürgermeister durch sein erstes Sommergespräch. Ich überlege mir, was man ihm glauben darf und was eher nicht.

Gelernter Redner

„Schuster bleib bei deinen Leisten“ sagt man, um jemanden höflich darauf hinzuweise, sich besser auf die Dinge zu konzentrieren, von denen man tatsächlich Ahnung hat.

Andreas Babler macht genau das. Nach Abbruch der HTL jobbte der jung-Marxist als ungelernter Lagerarbeiter, Zeitsoldat und beim Abfüllen von Mineralwasser. Nebenbei trieb er seine Parteikarriere in diversen sozialdemokratischen Organisationen voran und qualifizierte sich damit offensichtlich für seinen Einstieg zum Aufstieg am Stadtgemeindeamt Traiskirchen. Ab 2006 sogar zum Leiter des dortigen Bürgermeisteramtes.

Wirklich „gelernt“ hat Babler also Parteipolitik und das Reden – in 4 Semestern Uni-Lehrgang „politische Kommunikation“. Ganz ohne Matura(?) und ordentlichem Bachelor-Studium gabs dafür 2009 den „Master“-Titel. Das kann man gut finden, oder auch nicht. Ist aber so und ganz hilfreich dabei, seine Performance im vorletzten ORF-Sommergespräch etwas besser einzuordnen.

Situationselastisch auf Abwegen.

Bablers „Redeschwall“, „wortreiche Antworten“ oder „Schachtelsätze“ sollten demnach nicht unbedingt für Überraschung sorgen - manche inhaltliche Schwerpunktsetzung hingegen schon.

Beispielsweise wenn der Chef einer ehemaligen Arbeiterpartei davon spricht, Tempo 100 auf Österreichs Autobahnen durchsetzen zu wollen. Natürlich nicht per Gesetz und nicht „von oben herab verordnet“ sondern mit den Menschen gemeinsam.

Im Wege der Bewusstseinsbildung und weil er als Bürgermeister genau wisse, wie wichtig niedrigere Geschwindigkeiten den Leuten seien. Also vor der Haustüre in den Gemeinden… dort wo ja üblicherweise die Autobahnen vorbeiführen.

Was treiben die Bitte in Traiskirchen?

So wichtig, sich darauf festnageln zu lassen, sei ihm das Thema aber auch nicht.


Ähnlich wie die Freigabe von Cannabis. Was zwar die Privatperson Babler gut fände, aber der Parteichef in ihm nicht vorantreiben will.

Danach gefragt, ob er sich selbst an den Wunschhunderter halten würde, kommt wie aus der Kanone geschossen ein klares und unmissverständliches „Immer“.

Um ein positives Vorbild für „seine Leute“ zu sein, fährt der Bürgermeister statt den erlaubten 130 km/h also nur 100 auf der Autobahn. Wow!

Ich hab mich schon öfter gefragt, wer dieser Sonntagsfahrer ist, der per Kriechgang sogar 40-Tonnern ein 10 Kilometer Überholmanöver aufdrängt samt Totalblockade für alle anderen? Jetzt endlich wissen wir‘s: Babler beim Vorbild-sein.

Da bleibt nur zu hoffen, dass er niemals auf die Idee kommt, die Wiedereinführung des Linksverkehrs zu fordern.

Aber jetzt Scherz beiseite. Da hat er sich einfach versprochen und immer tiefer hineingeritten. 100 auf der Autobahn ist Blödsinn und „Vorbild sein zu wollen“ indem man den Verkehrsfluss behindert und Menschen gefährdet erst recht.


Klimamusterschülerin mit Kalkül

Doch warum will er die alte Sozialdemokratie überhaupt als Klima-Musterschülerin positionieren? Ganz einfach: Arbeiter sind schon lange zu den Freiheitlichen übergelaufen und sieht man sich die Wahlergebnisse des letzten Jahrzehnts an, wird klar, die kommen nicht zurück. Dank gescheiterter, linker Migrations- und Integrationsphantasien.

Nicht ganz unbegründet rechnet die SP-Spitze also damit lediglich von den Grünen Stimmen abziehen zu können und hofft auf eine Denkzettelwahl enttäuschter Koglerianer. Die aber sind erstens nicht so viele (NRW 2019: 13,9%), haben zweitens gelernt, was auf dem Spiel steht (Grünes Parlaments-Aus 2017) und ziehen im Zweifelsfall dann doch den Schmied, dem Schmiedl vor.

Unterm Strich: Eigene Stärken vernachlässigen und Mitbewerber kopieren: Keine gute Idee! Mitte der 80er, als die SP noch wer war, hat man den Ökos selbstbewusst erklärt: „So lange die Schlote rauchen, haben wir Arbeit“. Es waren andere Zeiten. Offensichtlich.


Sozialismus Adabei

Doch keine Angst, natürlich vergisst jemand der sich immer dann als Marxist bezeichnet, wenn‘s gut ankommt, die klassische Verteilungsfrage nicht. 1% der Bevölkerung, die Superreichen des Landes, besitzen so viel wie der Rest – sagt Babler. Das Stimmt zwar lt. Studie der Arbeiterkammer (Heck et al. 2020) nicht ist aber nah dran. Und auch wenn’s die Top 3,5% der Menschen sind, die so viel besitzen wie alle anderen zusammen, ists eine riesen Sauerei!

Deshalb nachvollziehbar: Die Forderung nach einer gerechten Besteuerung des Vermögens dieser Superreichen – weil Leistung vor Erbe gehen muss. Folgerichtig will Babler die Top 4% endlich fair zur Kasse bitten und in der Folge den Rest steuerlich spürbar entlasten.

Allein, ich nehm ihm das nicht ab – also die Entlastung. Denn eines hab ich in meiner Zeit in der Politik gelernt: ein Fass ohne Boden wird niemals voll. Völlig egal wie viel man oben hineinschüttet. Seriöser Weise muss also zuerst die deutlich spürbare Entlastung kommen und erst dann eventuell eine neue, faire, umverteilende Steuer. Mal sehen.

Eine Frage des Vertrauens.

Am Ende bleibt die Frage des Vertrauens. Trauen wir Andreas Babler die dringend notwendige Veränderung in Österreich zu und können wir seinen Ideen und Vorschlägen vertrauen? Können wir jemandem vertrauen, der einmal behauptet „Marxist“ zu sein und auf Nachfrage dann meint, er sei keiner („nein, überhaupt nicht“). Können wir jemandem trauen, der angibt einmal in seinem Leben eine andere Partei als die SPÖ gewählt zu haben und sich dann beim besten Willen nicht mehr daran erinnern kann, welche es denn gewesen sei?

Können wir jemandem vertrauen, der im Sommergespräch meint, dass es in Österreich „keine Bildungseinrichtungen, keine Gesundheitsversorgung, keine Pflegeplätze“ mehr gäbe und kurz darauf seine Gemeinde als Top-Bildungsstandort lobt? Können wir jemandem vertrauen, der als junger (marxistischer?) Bürgermeister dabei erwischt wurde, wie er sich ein zusätzliches Gehalt auf Kosten seiner Gemeinde gönnte und sich üppig am Spesentopf bediente? Können wir jemanden vertrauen, der uns erzählt er würde „immer“ 100km/h auf Autobahnen fahren??

Können wir jemanden vertrauen der Rendi Wagners „Demontage“ als „brutal“ verurteilte, sich aber selbst nie ein Blatt vor den Mund nahm, wenn es um Kritik an seiner Vorgängerin ging? Ich bin mir da nicht ganz sicher…


(Kolumne erschienen auf exxpress.at am 01.09.23)





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