Mit gutem Beispiel voran – warum die Politik mehr Vorbilder braucht.

Inmitten multipler Krisen wird uns eines zunehmend bewusst: Die fetten Jahre sind vorbei. Dennoch leisten wir uns eine Politik, die weder meint, was sie sagt, noch tut, was sie soll, kritisiert eXXpress Kolumnistin Daniela Holzinger.

Die Taufe. Vor einigen Jahren durfte ich an einer Tauffeier teilnehmen, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Als sich die Feiergemeinschaft rund um das Kindchen eingefunden hatte, streckte der Pfarrer seinen Arm aus um sich dann ganz demonstrativ ans Kinn zu fassen. Er ließ die Situation ein wenig wirken bevor er die Anwesenden darum bat, sich ebenfalls am „Hals“ zu kraulen. Etwas irritiert und verwundert über die eigenartige Einlage des Geistlichen, machten diese aber brav mit und griffen sich, so wie es auch der Pfarrer tat, ans Kinn. Aha, sagt dieser dann, schaut mal her: Ich bat doch sehr deutlich darum, euch am Hals zu kraulen, stattdessen habt ihr es mir nachgemacht und ans Kinn gegriffen. Bei Kindern ist es genau dasselbe. Es reicht nicht, nur zu sagen was sie tun oder lassen sollen, was gut, oder was schlecht ist, ihr müsst es ihnen vorleben. Dann werden sie eurem Beispiel - früher oder später - ganz automatisch folgen. Jetzt hatten alle verstanden und auch ich musste zu meiner Überraschung feststellen, dass ich zwar die Aufforderung deutlich hörte, letztlich aber doch tat was mir vorgezeigt wurde. Wird er sich halt versprochen haben…lieber mitmachen, um nicht aus der Reihe zu tanzen und die Feier zu stören…und was mir auch immer durch den Kopf ging, am Ende egal: Auge schlägt Ohr. Ganz einfach.

Im Partymodus.

Doch warum erzähle ich sowas? Weil‘s wichtig ist, dass sich endlich auch unsere Politik dieser elementaren, menschlichen Funktions- und Führungslogiken bewusst wird. Wer mit bestem Beispiel vorangeht hat demnach schon fast alles richtig gemacht. Klimakrise, Pandemie, Krieg und grassierende Inflation vertragen sich nicht mit dem Party-eh-wurscht-Modus der letzten Jahrzehnte und seelenloser Inszenierung aalglatter Polit-Sprechpuppen. Den stromlinienförmigen Handlanger zu machen, brav „buckelnd“ - wie mein Kollege Heinzlmaier schreibt (https://exxpress.at/bernhard-heinzlmaier-parteitage-als-geistlose-masseninszenierungen/) - durch die Katakomben der Partei, hinein in höchste Staatsämter zu kriechen, nur um dort den Sessel des Nachfolgers zu wärmen, das reicht nicht mehr. Selbstverwirklichung war gestern, jetzt geht’s wieder um die Sicherung elementarster Grundbedürfnisse und vor allem um massive Verlustängste: Werde ich im Winter noch Gas für meine Therme haben? Kommt Corona bald zurück, vielleicht als Killer-Mutant? Wie lange kann ich mir die Preisexplosion noch leisten? Droht uns ein Weltkrieg oder gar die atomare Apokalypse? Regierungsverantwortung bedeutet heute, sich diesen Fragen zu stellen, klare und verständliche Antworten zu formulieren, Vertrauen aufzubauen und letztlich neue Sicherheit zu geben.


100% Viren für Karl.

Dazu aber braucht es Menschen, die sagen was sie denken und tun was sie sagen. Integrität ist hier das Zauberwort. Etwas das kein noch so perfekt inszenierter Parteitag, keine jubelnden Funktionärsmassen und absurde Zustimmungsraten ersetzen können. Schon gar nicht, wenn dem Kanzler ein derart massiver Ausrutscher wie der „Viren-Sager“ (https://exxpress.at/virus-sager-des-kanzlers-wie-ver-fuehlen-sich-supermarkt-mitarbeiter/) passiert. Sicher, er hat sich entschuldigt und ja, der Druck auf den Schultern des ersten VP-Chefs nach Kurz muss enorm gewesen sein, keine Frage. Aber mehr als zwei Jahre Pandemiemanagement als Begrüßungsgag zu kübeln und die Bundesregierung samt GECKO-Experten, entwaffnet und jeder Glaubwürdigkeit beraubt, der prognostizierten Herbstwelle auszuliefern, das hat nichts mit Integrität zu tun, das ist einfach nur fahrlässig.

Kein Wunder also, dass man im Handel nun den Aufstand probt - dort wo nach wie vor Maskenpflicht gilt und laut GECKO-Chefin auch weiter gelten soll. Wenn den Kanzler das türkise Corona-Kuscheln nicht kümmert, warum dann bitte den Nahversorger der auf 240m² Verkaufsfläche vielleicht 10 Kunden gleichzeitig hat? Wie in meinem Beispiel mit der Taufe, tun sie es dem Kanzler daher gleich, greifen sich ans Kinn und reißen die Maske herunter. Recht haben Sie! Ich drücke Klarl Nehammer und seinem Team jedenfalls alle Daumen für den Versuch, das wieder einzufangen…


(Kolumne erschienen auf exxpress.at am 20.05.22)